ICH LEBE NOCH
Ja es stimmt und ist auch so Banal wie es klingt: Tatsächlich stand Gegenteiliges nämlich nie wirklich in Aussicht, doch aufgrund der langen Wartezeit auf neue Berichte haben sich Manche anscheinend zu derartigen Vermutungen hinreißen lassen und mich dies in Form bitterböser Nachrichten wissen.
Naja auf jeden Fall bringt mich das hier und jetzt zu dem Versprechen, mich einmal monatlich zu melden, damit auch die beruhigt einschlafen können, die noch nicht ganz verstanden haben, dass kein Lebenszeichen oft ein gutes Lebenszeichen ist! Denn unter Berücksichtigung der Tatsache, dass ich hier so viele gute (OK, ab und zu auch mal sehr nervige und frustrierende) Sachen vor habe, dass ich kaum noch dazu komme mich zu melden, ist das doch insgesamt positiv zu sehen.
Wobei ich mich in einer genialen Überleitung gleich dem Thema zuwenden kann: Was hat er denn nun eigentlich so vor?
Der Schulalltag ist nach wie vor der ausschlaggebende Faktor in meinem Canarischen Leben und beginnt jeden morgen mit der Fahrt im Schulbus. 07.00 Uhr (spätestens): Ich verlasse das Haus in der Hoffnung heute nicht rennen zu müssen. (die Schulbusse sind im Vergleich zu allen anderen Spanischen Verkehrsmitteln saupünktlich) 07.03 Uhr: ich laufe für 20 Sekunden die Nase zu haltend und durch den Mund einatmend an dem kleinen dreckigen Fast-Food-Imbiß „Piscolabis Rosa“ vorbei, der Morgens auf eine Art stinkt, die ich in meinem Leben noch nicht erlebt habe. 07.05 Uhr: Ich erreiche meine Bushaltestelle (manchmal rennender Weise und erst in letzter Sekunde) in der Hoffnung, dass ich Erstens: Einen guten Busfahrer habe. Das ist sehr wichtig, weil der Busfahrer die nächsten 45 Minuten meines noch verpennten und deshalb recht sensiblen Lebens bestimmt. Es gibt gute Busfahrer und Arschloch-Busfahrer. Gute Busfahrer haben bei guter Raumtemperatur Nachtbeleuchtung an und das Radio wird erst nach 25-30 Minuten leise angemacht, so dass man entweder gar nichts, oder Musik über seinen MP3 Player hören kann. Arschloch Busfahrer haben volle Kongresshallenbeleuchtung an und hören – man könnte es LAAAUUUT nennen -einen der vielen extreeem hippen Radiosender mit aktuellen Superhits wie: Tokio Hotel – Through the Monsoon, oder eine eigene CD – und ich sag euch: Canarische Arschlochbusfahrer haben einen SUPER Musikgeschmack! Zweitens: dass zu dem Arschlochbusfahrer nicht noch irgendein Kind ZUFÄLLIG grade eine DVD im Schulrucksack hat (denn das haben 3.-Klässler hier manchmal einfach so). Denn dann heißt es: „High School Musical“ im Bordkino! Und weil man beim Film ja alle Dialoge verstehen muss, drehen wir doch einfach noch ein bisschen lauter. Ach so und die Klimaanlage ist übrigens so stark aufgedreht, dass man trotz 24 Grad Außentemperatur mindestens einen Pulli braucht, wenn man keine Erkältung bekommen will!
Zum Glück gibt es zwischen guten und Arschlochbusfahrern auch Abstufungen und man kriegt nicht immer gleich die volle Packung! Aber ihr seht, ich habe hier im Vergleich zu meinen FSJ-Kollegen in Behinderteneinrichtungen, SOS-Kinderdörfern, in Palestina oder in Ausschwitz auch mit echten Herausforderungen zu kämpfen. Tschakka!
So… und wer jetzt den ironischen Unterton herausgehört hat, könnte zu der Vermutung kommen, dass ich grade mit meiner Arbeit nicht so ganz zufrieden bin – und hätte damit recht. Ich habe das Gefühl irgendwie bewegt sich hier nichts. Der Alltag kann sehr unterschiedlich sein. Mit Segundo (Hausmeister) ist alles Super: abwechslungsreiche Arbeit, mehr Eigenverantwortung, lustiger Typ, coole Gespräche usw. Mit Lorenzo (Gärtner) bringt es mich manchmal richtig auf die Palme. Immer die gleiche Arbeit. Da Beete Harken, dort Straße fegen, hier Pflanzen schneiden (und nebenbei ganz viel mit Passanten schnacken). Und nach 3 Wochen an der gleichen Stelle das Gleiche von Vorne. Was mich aber noch mehr nervt als die stumpfe Arbeit, ist die Tatsache, dass er immer darum bittet, dass ich mit ihm arbeiten kann obwohl er eigentlich für mich nichts zu tun hat. Dass führt dazu, dass wir das was es zu erledigen gibt. Sehr ruhig und gelassen angehen. Er meint es gut, wenn er mich immer zur Ruhe ruft, wenn ich selbstständig irgendwas machen will. Aber es macht mich wahnsinnig, weil ich was tun will. Was Richtiges. So komme ich mir oft nutzlos und überflüssig vor. Langweile kann anstrengender sein, als harte Arbeit. Darüber hinaus, missfällt mir manchmal die Art, mit der Andere Kollegen mit mir umgehen. Nichts schlimmes aber irgendwie komisch.
Doch seit heute scheint Besserung in Sicht: Tatsächlich hat sich nämlich meine Vermutung erhärtet und an dieser Schule hat keiner eine Ahnung, was ich überhaupt bin, was eigentlich ein FSJ bedeutet. Aber immerhin scheint sich da jetzt was zu bewegen und nächste Woche setzen wir uns dann alle mal zusammen. Ich glaube dann können wir FSJ-ler auch mal Wünsche äußern. Mal sehen, vielleicht bekomme ich ja mehr Zeit mit den Kindern.
TENERIFFA: in einer recht spontanen Aktion 3 Tage vorher habe ich für das erste (lange – 4 Tage) Novemberwochenende mit 4 Freunden eine Fähre nach Teneriffa gebucht. Als wir dann am Donnerstagnachmittag unser Apartmenthaus „Playa Olid“ erreichten, mussten wir uns erstmal von der anstrengenden Reise und der schockierenden Umgebung erholen. Unser glückliches Händchen hat uns nämlich direkt an die Costa Adeje geführt. Das ist, wenn man sich den in Briten Hand befindlichen Touristensüden von Teneriffa anschaut, so ziemlich die Hochburg britischer Traumtouristen. Das war so richtig schön. Denn wenn es eine Sache gibt, die noch abstoßender ist als Deutsche Asitouristen, dann sind das die britischen Pendants! Frei nach dem Motto von Kurt Tucholski: „Als Deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage ob man sich anständig benehmen muss, oder ob schon Deutsche vor einem dort gewesen sind“ haben wir uns dann am Freitag als Asitouristen verkleidet in den Sausage-Baked-Beans-rote Haare-sommersprossig weiße Haut-Beer-Fish&Chips-Brei gestürzt und uns an einem weißen künstlich angelegten Sandstrand von den harten Arbeitswochen erholt. Die restlichen zwei Tage sind wir mit einem gemieteten Auto über die wirklich wunderschöne Insel gedüst und hätten fast den höchsten Berg Spaniens erklommen. Den Gipfel holen wir uns dann an einem andern Tag nochmal! Immerhin kostet die Fähre nach Teneriffa für uns als gemeldete Canarische Bürger hin und zurück nur 14 Euro! Was aber in diesem Urlaub wirklich besonders toll war, war wie unsere kleine Gruppe nochmal so richtig zusammengerückt ist und man mittlerweile von richtigen Freunden sprechen kann!
Nach diesem Vorbild steht für das erste Dezemberwochenende, welches auch 4 Tage lang ist, ein Trip mit mehr Leuten und mehr Inseln nach Fuerteventura und Lanzarote an.
VORWEIHNACHTSZEIT: Wie sicherlich überall anders auch, läuft auch hier seit einigen Wochen immer mehr die Weihnachtszeit an. Irgendwie kommt man aber noch nicht so richtig drauf klar, dass wir hier an warmen Tagen immer noch 27 Grad und mehr haben, aber schon überall die Plastikweihnachtsbäume rumstehen. Weihnachten (jedenfalls was man so aus den Einkaufszentren mitbekommt) ist hier sehr Amerikanisch und gefällt mir überhaupt nicht. Auf die Spitze treibt es das Las Arenas Einkaufszentrum, welches von einem rosa Weihnachtsschloss mit Plastiktannengirlanden (Stilrichtung: Barbie) verkleidet wurde. Sowas von abgrundtief hässlich, das kann man sich nicht vorstellen. Als ich mich aber vor 2 Wochen zum ersten Mal darüber aufgeregt habe, wusste ich jedoch noch nicht, was letzten Donnerstag passieren sollte: Da war nämlich mein erstes Chor“konzert“. Die Bitte des Las Arenas an unsere Chorleiterin, drei Weihnachtslieder für eine Werbeveranstaltung zu singen, hat uns nämlich in die herrliche Situation gebracht, vor einer Gruppe Anzugträgern, selber in schniekem Outfit, bei 24 Grad Außentemperatur auf eben dieser rosa Barbieschlossbühne unter Anderen „White Christmas“ zu singen. Eine paradoxe Riesenlachnummer über der ich mir das Grinsen wirklich verkneifen musste.
DER GROSSE REGEN / MEIN GEBURTSTAG / WOMAD: Zum Schluss wende ich mich nun nochmal den letzten Tagen zu: Angefangen hat es am Mittwoch, als „der großen Regen“ einsetzte. Im Prinzip handelt es sich nur um stink normale Regengüsse, die zum ersten Mal seit meiner Ankunft hier nicht sofort nach 5 Minuten wieder zu Ende waren und bis heute (Sonntag) immer wieder kehrten. Dass ich ihn den „großen Regen“ nenne, hat damit zu tun, was das bisschen Wasser von oben hier auslöst. Also überschwemmte Straßen, gesperrte Straßen, überlaufende Gulli und vielleicht sogar bald Schulausfall. Dass das Abwassersystem schlecht ist, weiß ich spätestens seit regelmäßig überlaufender Scheiße im Mädchenklo unserer Schule, aber dass es so wenig abkann hätte ich dann auch nicht gedacht.
Geregnet hat es auch auf dem WOMAD gelegentlich. WOMAD steht für „World of Music, Art and Dance“ und ist ein großes Festival welches vom 22. Bis 25. November unsere Abendgestaltung abwechslungsreicher gestalteten sollte als sonst. Hier habe ich auch nach einer gequetschten Großcliquensitzung in meiner kleinen Wohnung, gebührend in meinen 20. Geburtstag herein gefeiert. Das musikalische Spektrum auf den 3 Bühnen umfasste Elektro, Drum&Bass, Hip-Hop, sowie Reggae, Ska und Rock, wobei viele Gruppen irgendwie einen ausgefallenen Mix aus allem spielten. Afrikanische und Südamerikanische Einflüsse waren auch überall präsent.
Also pünktlich zum 20. richtiges Jannis-Geburtstagswetter wie man es aus Deutschland kennt – fast…
Das wars auch „schon“ wieder von mir. Ich verabschiede mich mit einem riesigen Dankeschön für alle Geburtstagsgrüße und Geschenke. Ich denke zwischen Weihnachten und Neujahr werdet ihr sicher das nächste Mal was von mir hören!
Jannis